Der geistliche Impuls - von Gemeindereferentin Yvonne Gnirs

 
Das Leid und die Freude der Christen
 
 „Jetzt bin ich gläubig, jetzt bin ich Christ und alles wird gut.“ Kennen wir diese Gedanken nicht alle irgendwie? Wir gehen treu in die Kirche, besuchen einen Gebetskreis, engagieren uns ehrenamtlich in der Pfarrei – das muss Gott doch gefallen! Wir versuchen, im Leben alles richtig zu machen. Wir beten, wir vergeben, wir helfen, wo wir können, und spenden für den guten Zweck. Wir tun unseren Teil einer vermeintlichen Abmachung.
Und trotzdem...

... bricht das Leben manchmal mit voller Wucht über uns herein. Die Diagnose Krebs. Ein schwerer Unfall. Der plötzliche Tod eines geliebten Menschen. Eine schmerzhafte Scheidung. Inmitten dieser Trümmer brennen sich die Fragen tief in unsere Seele: Warum? Was ist das für ein Gott, der das zulässt? Warum gerade ich, warum meine Familie? In der tiefen Enttäuschung rutscht das Herz schnell in die Bitterkeit: Gott ist nicht gut, er ist ungerecht, er ist nicht bei mir – er liebt mich einfach nicht. Und nicht selten folgt der radikale Schritt: Ich wende mich ab, einen solchen Gott gibt es nicht.
Aber wie gehen wir im Glauben mit diesem Widerspruch um? Im Evangelium spricht Jesus einmal sehr eindringlich von den Spatzen und den Haaren auf unserem Kopf. Er sagt: Kein Spatz fällt zur Erde ohne den Willen eures Vaters, und bei euch sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch nicht, ihr seid mehr wert als viele Spatzen! Wenn wir diesen Text genau lesen, merken wir etwas Entscheidendes: Jesus verspricht den Spatzen nicht, dass sie niemals zur Erde fallen werden. Und er verspricht uns nicht, dass wir in einer sterblichen Welt kein Leid erleben. Im Gegenteil: Er bereitet seine Jünger immer wieder auf schwere Zeiten vor.
Die Zusage Jesu ist eine ganz andere: Wenn der Spatz fällt, dann fällt er nicht tief, sondern er fällt in die Hand des Vaters. Gott bewahrt uns nicht vor allem Leid, aber er bewahrt uns in allem Leid. Er zählt jedes einzelne Haar, weil ihm nichts an uns entgeht, weil er uns unendlich liebt – gerade dann, wenn wir am Boden liegen und die Welt nicht mehr verstehen.
Der christliche Glaube ist keine Versicherungspolice gegen die Zumutungen des Lebens. Er ist kein Automat, in den man oben gute Taten hineinwirft, damit unten ein reibungsloses Glück herauskommt. Der Glaube ist eine Beziehung. Und das Fundament dieser Beziehung ist das Kreuz: Ein Gott, der das Leid nicht aus der Ferne anschaut, sondern der selbst hineingegangen ist, um es mit uns zu tragen. Trotz aller unbeantworteten Fragen, trotz aller Schmerzen bleibt seine Zusage bestehen. Gehen wir mit dieser Gewissheit durch die schweren Tage: Gottes Liebe lässt uns niemals los.
 
Yvonne Gnirs